Henrike Lieder ist Lead AI Transformation bei REWE digital und Speakerin auf der RETAIL NXT Conference 2026. In der Masterclass „Generation AI: From Hype to Habit — Der AI Hub als Treiber für Kulturwandel und Adoption” zeigt sie, wie REWE die KI-Transformation begleitet und Mitarbeitende auf dem Weg von ersten Pilot-Use Cases zu echter Adoption unterstützt. Was genau dahinter steckt, verriet sie im Interview:
Henrike, wo steht der Handel gerade bei KI-Tools – Piloten oder Use Cases. Noch im Hype oder schon auf dem Weg zur Habit-Phase?
Ich glaube, der Handel steht gerade an einem sehr spannenden Wendepunkt. Viele Unternehmen haben inzwischen unterschiedliche KI-Tools eingeführt, doch KI im Handel ist längst nicht überall selbstverständlich. Use Cases werden identifiziert, Pilotprojekte gestartet. Damit ist aber noch nicht automatisch Adoption entstanden. Aus meiner Sicht bewegen wir uns deshalb noch zwischen Hype und Habit. Die Aufmerksamkeit ist groß, die Erwartungen sind hoch, aber nachhaltige Wirkung entsteht erst, wenn KI auch wirklich in Prozesse und Zusammenarbeit integriert wird. Menschen übernehmen neue Arbeitsweisen nicht, weil ein Tool verfügbar ist, sondern weil sie erleben, dass es ihre Arbeit tatsächlich verbessert.
Deine Masterclass auf der RETAIL NXT trägt den Titel „Generation AI: From Hype to Habit”. Weg, Was bedeutet dieser Schritt für dich konkret?
Für mich beschreibt „From Hype to Habit” den Weg von der Faszination zur Selbstverständlichkeit. Als Generative KI vor mittlerweile mehr als dreieinhalb Jahren für viele von uns greifbar wurde, gab es ganz unterschiedliche Reaktionen. Die einen waren begeistert und dachten: „Das verändert alles.” Andere haben aber vor allem die Grenzen gesehen. Beides ist völlig normal. So beginnen die meisten technologischen Umbrüche, nämlich mit einer Mischung aus Neugier, Euphorie und Skepsis. Genau das ist für mich der Übergang vom Hype zum Habit.
Bei der REWE Group spielt der AI Hub eine zentrale Rolle. Was genau ist seine Aufgabe?
Den AI Hub haben wir ins Leben gerufen, um die Organisation bei ihrer Transformation zu begleiten. Wir fungieren als zentrale Anlaufstelle, wenn es darum geht, KI im Arbeitsalltag greifbar zu machen. Dabei wirken wir auf unterschiedlichen Ebenen: Wir unterstützen Kolleg:innen mit Trainings, Lernformaten und konkreten Praxisbeispielen. Gleichzeitig fördern wir über unsere AI Community, unsere AI Ambassadors und verschiedene Austauschformate den bereichsübergreifenden Wissenstransfer.
Warum reicht ein allein Tool-Rollout nicht aus?
Die Einführung eines neuen Tools schafft zunächst einmal Zugang, aber noch keine Verhaltensänderung. Und genau das ist der entscheidende Unterschied. Bei KI ist die Lücke zwischen „Ich habe ein Tool” und „Ich nutze es sinnvoll in meiner täglichen Arbeit” oft größer, als viele erwarten. Wir müssen verstehen, wofür KI geeignet ist, wo ihre Grenzen liegen, welche Risiken es gibt und wie wir Ergebnisse kritisch einordnen. Wenn KI nur als technische Einführung verstanden wird, bleibt sie häufig ein weiteres Tool.
Wie übersetzt man KI so, dass sie für verschiedene Rollen im Handel relevant und nutzbar wird?
Genau diese Vielfalt macht die Transformation besonders anspruchsvoll und sehr spannend. Eine generische KI-Story funktioniert hier nicht. Was für die Logistik relevant ist, muss für Marketing, Einkauf, Analytics oder HR nicht automatisch passen. Deshalb setzen wir im Arbeitsalltag der jeweiligen Teams an: Welche wiederkehrenden Aufgaben gibt es? Wo entstehen Reibungsverluste? Wo können Entscheidungen besser vorbereitet werden?
Menschen können KI spannend finden und gleichzeitig unsicher sein. Wie geht ihr damit um?
Diese Ambivalenz ist in meinen Augen ganz normal und auch erstmal völlig okay. Viele Menschen sind neugierig und sehen das Potenzial von KI, stellen sich aber gleichzeitig berechtigte Fragen: Was bedeutet das jetzt für meine Rolle? Wie verändert sich meine Arbeit? Was passiert mit meiner Expertise? Für solche Unsicherheiten braucht es Dialog, Transparenz und Räume, in denen Unsicherheit ausgesprochen werden kann.
Welche Formate funktionieren besonders gut, um Mitarbeitende ins Tun zu bringen?
Ich denke es ist am Ende eine gute Mischung aus verschiedenen Formaten. Trainings schaffen eine gemeinsame Basis, reichen allein aber nicht aus. Es ist auch wichtig, dass die Menschen sich miteinander vernetzen und ihre Erfahrungen teilen dürfen. Dafür haben wir schon 2023 eine AI Community über die gesamte REWE Group hinweg ins Leben gerufen. Aber es ist nicht weniger wichtig, dass wir auch ins Tun kommen. Prompting-Sessions, Show-und-Tell-Formate, Hackathons und Design Sprints machen KI konkret und niedrigschwellig.
Was unterscheidet einen guten KI-Piloten von einer tatsächlich verankerten KI-Fähigkeit?
Ein Pilot ist immer hilfreich, um aufzuzeigen, dass etwas funktionieren kann. Eine organisationale Fähigkeit entsteht aber erst, wenn die Organisation lernt, solche Lösungen zu identifizieren, zu bewerten, umzusetzen und in den Regelbetrieb zu überführen. Dafür braucht es neben einer sinnvollen Governance auch klare Ownership, Priorisierung, Befähigung und natürlich auch die entsprechenden technischen Voraussetzungen.
Welche Rolle spielt Führung in dieser Phase?
Führung ist einer der wichtigsten Hebel in der KI-Transformation. Führungskräfte können diese Veränderung nicht delegieren. Ihre Aufgabe ist es, diesen Wandel aktiv zu begleiten: Ängste ernst zu nehmen, Chancen sichtbar zu machen, Prioritäten zu setzen und aus Experimenten neue Standards zu entwickeln.
Zum Schluss: Was ist dein wichtigster Rat an Handelsunternehmen?
Beginnt nicht bei der Technologie, sondern bei der Arbeit, die sich verändern soll und bei den Menschen, die diese Arbeit tun. KI-Transformation gelingt nicht, wenn sie als reines IT- oder Effizienzprogramm verstanden wird. Sie gelingt, wenn man die Mitarbeitenden einbezieht und wenn Organisationen die richtigen Fragen stellen: Welche Prozesse wollen wir verbessern? Welche Kompetenzen brauchen unsere Mitarbeitenden? Welche Verantwortung haben Führungskräfte? Die Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein werden, sind nicht unbedingt diejenigen mit den meisten Piloten. Es sind diejenigen, die KI so in Kultur, Führung und Alltag verankern, dass daraus dauerhaft ein verbessertes Arbeitsumfeld entsteht.